Booster-Impfung gegen Corona – das ist der aktuelle Stand

Vor knapp zwei Monaten berichteten wir erstmals über die Booster-Impfung, auch Auffrischungsimpfung oder Drittimpfung genannt, die bestimmte Personengruppen in Deutschland seit September erhalten können. Seitdem steigen die Inzidenzzahlen enorm, aktuell liegt die 7-Tage-Inzidenz hierzulande bei 213,6. Während Mitte September 61 Prozent der Deutschen vollständig geimpft waren, sind es Mitte November 67,11 Prozent.

Booster-Impfung sinnvoll?

Damit ist eine erneute Impfung gegen Covid-19 gemeint, die den bereits erhaltenen Impfschutz auffrischen soll. Wer bisher vollständig mit den Vakzinen Spikevax von Moderna oder Comirnaty von BioNTech/Pfizer geimpft wurde, für den ist es die dritte Impfung. Für Personen, die mit Johnson & Johnson geimpft wurden, handelt es sich um eine zweite Dosis. 

Schon im September 2021 gab es israelische Studien, die zeigten, dass der Infektionsschutz der verwendeten Impfstoffe durch die Delta-Variante etwas sinke. BioNTech/Pfizer gaben an, dass “die Schutzwirkung des Impfstoffs gegenüber Infektionen und symptomatischen Erkrankungen sechs Monate nach der zweiten Impfung” sinke. Für Leif Erik Sander, den Leiter der Forschungsgruppe für Infektionsimmunologie an der Charité Berlin, war dies erwartbar: „Die Immunität fällt auf ein gewisses Basislevel wieder ab. Deswegen kommt es mit der Zeit auch zu mehr und mehr Impfdurchbrüchen. Dem kann man mit einer Booster-Impfung sehr effektiv entgegenwirken.“ Laut ihm hätten Studien aus Israel gezeigt, dass die dritte Impfung eine bis zu 20 Mal höhere Schutzwirkung als die Zweitimpfung hätte.

Und auch eine britische Studie ergibt, dass mit zunehmender Zeit nach der Immunisierung die Wahrscheinlichkeit, trotz Impfung zu erkranken, steige. Bei älteren Menschen sinke der Impfschutz schneller, so eine israelische Studie, weshalb eine Auffrischungsimpfung einen höheren Schutz bietet. Nachdem Israel Ende Juli 2021 als erstes Land weltweit die Drittimpfungen einführte, sankenen die dortigen Infektionszahlen seit Anfang September erheblich.

Die Auffrischungsimpfung habe bei der Delta-Variante im Vergleich zur Alpha-Variante nur eine leicht abgeschwächte Wirkung, der Schutz sei trotzdem weiterhin hoch. Auch was Krankenhauseinweisungen angeht zeige sich laut Studien kein Wirksamkeitsverlust.

Die Booster-Impfung wird als zusätzliche Vorsichtsmaßnahme betrachtet. Wer seine vollständige Impfung schon durchgeführt hat, gilt weiterhin als vollständig geimpft.

Keine Empfehlung der STIKO für Booster-Impfung für alle

Die STIKO empfiehlt immungeschwächten Personen eine Booster-Impfung. Auch engen Haushaltskontaktpersonen von schwer infizierten Personen wird eine Auffrischungsimpfung empfohlen. Die STIKO begründet dies mit dem Nachlassen des Impfschutzes, sodass asymptomatische Infektionen und milde Krankheitsverläufe mit der Auffrischungsimpfung wieder erhöht werden.

Auch Personen ab 70 Jahren und Bewohner:innen von Pflegeheimen sollen sich erneut impfen lassen, da mit zunehmendem Alter die Immunantwort geringer ausfalle. Da in Pflegeheimen das Risiko eines Krankheitsausbruchs erhöht sei, soll auch Pflegepersonal und medizinisches Personal eine Drittimpfung erhalten.

Die STIKO empfiehlt außerdem mit Johnson und Johnson geimpften Personen eine Booster-Impfung, da hier eine höhere Wahrscheinlichkeit an Impfdurchbrüchen auftritt und die Wirksamkeit gegen die Delta Variante im Vergleich zu den mRNA-Impfstoffen geringer sei. Wer sich trotz vollständiger Impfung mit Covid-19 infiziert, erhält von der STIKO keine Empfehlung zur Auffrischungsimpfung. 

In wenigen Wochen möchte die STIKO nach intensiver Prüfung entscheiden, ob Auffrischungsimpfungen allen empfohlen werden, teilte Thomas Mertens, der Vorsitzende der Ständigen Impfkommission, am Dienstag den 02.11.2021 mit.

Bundesgesundheitsminister und Ärzteverbände einig

Jens Spahn, der geschäftsführende Bundesgesundheitsminister, und die Ärzteverbände sind sich nach der Gesundheitsministerkonferenz in Lindau am Bodensee einig, was die Booster-Impfungen angeht. Alle Personen, deren vollständige Impfung sechs Monate zurückliege, solle eine Auffrischugnsimpfung angeboten werden. Dies bestätigte das Gesundheitsministerium. Spahn setzte sich für die Booster-Empfehlung für alle ein, da diese laut Impfverordnung generell allen zustehe. Kritik erhielt er deshalb von der kassenärztlichen Vereinigung, da er sich damit über die Empfehlung der STIKO hinwegsetzte.

Doch rechtlich bindend ist die Impfverordnung des Bundesgesundheitsministeriums. Laut ihr hat aktuell grundsätzlich jede Person Anspruch auf eine Auffrischungsimpfung und deren Kostenübernahme. Voraussetzung ist, dass die Person mindestens zwölf Jahre alt ist und seinen Wohnsitz oder gewöhnlichen Aufenthalt in Deutschland hat.

Priorität hätten aktuell ältere Menschen, medizinisches Personal, Personen mit Immunschwäche sowie mit dem Vakzin von Johnson & Johnson Geimpfte. Letztere sollten den Impf-Booster schon nach vier Wochen erhalten. Das Bundesministerium für Gesundheit schreibt, dass diese Personengruppen zu “Low Respondern” gehören, die nach einer vollständigen Impfung keinen ausreichenden oder schnell nachlassenden Impfschutz hätten. Eine dritte Impfung könne die Antikörper wieder anregen und den Impfschutz erhöhen. 

Da mit dem Beginn der Impfungen eine Priorisierung einherging, erreichen nun die ersten Prioritätsgruppen nach sechs Monaten die Frist auch als erstes. Aktuell kommen deshalb über 10 Millionen Menschen für eine Booster-Impfung in Frage. Laut RKI erhielten allerdings bisher nur 2,36 Millionen Personen eine Auffrischungsimpfung. Über die Corona-Warn-App solle man künftig Informationen darüber erhalten, wann man für eine Booster-Impfung in Frage komme. Noch wurden keine Einladungen an ältere Menschen per Brief verschickt. Sander von der Berliner Charité und Gesundheitsexperte Karl Lauterbach fordern eine große Impfkampagne sowie Impfzentren und mobile Impfteams.

Was bedeutet das für die Impfzentren und Arztpraxen?

Impfzentren spielen für den Pandemie-Verlauf eine entscheidende Rolle. Seit dem 30. September 2021 wurde die Impfstrategie jedoch angepasst. Die Kapazitäten der 400 Impfzentren wurden schrittweise reduziert. Dafür übernahmen mehr mobile Impfteams und Arztpraxen die Impfungen. Spahn schlug auf der Gesundheitsministerkonferenz vor, die Impfzentren wieder einzurichten, um das Tempo der Auffrischungsimpfungen zu erhöhen, doch viele Ärzte und Politiker lehnen den Vorschlag ab. Dies sei zu teuer und bedeute einen zu hohen Aufwand. Voraussichtlich werden die Länder bei dieser Entscheidung auch nicht einheitlich vorgehen.

Drittimpfungen werden jedoch von Arztpraxen nicht flächendeckend angeboten. Der Vorsitzende des Hausärzteverbands, Armin Beck, kritisierte Spahns Appell zur Booster-Impfung: „Die Hausärzte folgen der Empfehlung der Ständigen Impfkommission, und diese empfiehlt aktuell Drittimpfungen nur für über 70-Jährige und wenige andere Gruppen“. Hausärzt:innen sind jedoch nicht dazu verpflichtet, Booster-Impfungen anzubieten.

Welche Nebenwirkungen können die Booster-Impfungen haben?

Die STIKO gibt an, dass die Impfreaktionen denen nach der zweiten Impfung ähneln können. Sie listet im „Epidemiologischen Bulletin 43/2021“ die möglichen Reaktionen auf eine Booster-Impfung mit Comirnaty von BioNTech/Pfizer auf. Lokal können zu 83% Schmerzen an der Einstichstelle auftreten. Auch eine Schwellung (8 %) und Rötung (5,9 %) ist möglich.

Nach ein bis zwei Tagen können systemische Impfreaktionen auftreten, die meist ein bis zwei Tage anhalten. Es handelt sich vor allem um Abgeschlagenheit (63,7 %), Kopfschmerzen (48,4 %), Muskelschmerzen (39,1 Prozent), Schüttelfrost (29,1 %), Gelenkschmerzen (25,3 %) sowie Fieber, Durchfall, Erbrechen und schwere Muskelschmerzen, Kopfschmerzen, Schüttelfrost oder Gelenkschmerzen.

Laut US-amerikanischen Studien wurden bis zu 30 Tage nach einer Booster-Impfung impfbezogene Nebenwirkungen bei 7,8 Prozent der Drittgeimpften festgestellt. 5,2 % litten an Schwellungen der Lymphknoten und allgemeines Unwohlsein sowie weitere Nebenwirkungen beklagten 2,3 %.

Drittimpfungen weltweit 

In Israel sowie den USA werden aktuell schon Auffrischungsimpfungen durchgeführt. Während Israel alle Geimpften frühestens fünf Monate nach der zweiten Dosis mit einem Booster impft, so können in den USA nur Personen über 65 Jahren und bestimmte Risikogruppen ein drittes mal geimpft werden.

Tedros Adhanom, Generalsekretär der Weltgesundheitsorganisation, forderte, dass Booster-Impfungen erst ab Oktober 2021 durchgeführt werden, denn so könnten laut ihm zunächst zehn Prozent der Bevölkerung weltweit geimpft werden.Der Vorsitzende des Weltärztebundes, Frank Ulrich Montgomery, spricht sich aktuell für eine Erweiterung der Impfkampagne für den Herbst auf Booster-Impfungen aus.