Freedom Day – Welche europäischen Länder haben die Corona-Maßnahmen aufgehoben?

Die Corona-Pandemie hat globale Auswirkungen. Zum Schutz der Menschen gelten vielerorts Corona-Maßnahmen, die die Weiterverbreitung des Virus eindämmen sollen. Darunter versteht man zum Beispiel das Tragen von Masken, die Durchführung von Corona-Tests, Hygienekonzepte wie das Händewaschen, oder Abstandsregelungen sowie Einlassbeschränkungen. Der erste Lockdown in Deutschland trat am 22. März 2020 in Kraft und dauerte 7 Wochen lang an. In anderen Ländern werden die Maßnahmen mittlerweile zum Teil wieder gelockert oder fallen ganz weg. Oftmals wird dies als “Freedom Day” bezeichnet. Wir wollen einen Blick darauf werfen, welche Länder die Maßnahmen lockern beziehungsweise aufheben und wie diese Länder mit ihrer Strategie fahren.

Corona-Maßnahmen in Dänemark aufgehoben

Seit dem 10. September 2021 hat Dänemark weitgehend die Corona-Maßnahmen beendet. Doch dies war keine spontane Handlung, sondern wurde von der Regierung Dänemarks über Monate hinweg in einem Rahmenplan zur Wiedereröffnung ab dem 22. März 2021 geplant. Die Regierung legte darin Etappenziele fest, die sie vor einer Wiedereröffnung erreichen wollte. Ziele waren zum einen die Impfung aller Personen über 50 Jahren und der Risikogruppen. Zudem wurde vorübergehend ein Corona-Pass eingeführt, mit dem man nachweisen  konnte, geimpft, genesen oder getestet zu sein. Dies ermöglichte, wie in Deutschland, Besuche bei Friseuren oder in Restaurants.

Durch die steigenden Impfzahlen sah die Regierung Dänemarks das Virus als “nicht mehr gesellschaftskritisch” an und so konnten nach und nach Regelungen gelockert werden. Öffnungszeiten wurden wieder verlängert und mehr Publikum bei Veranstaltungen wurde erneut zugelassen. Aktuell sind in Dänemark 75,35 Prozent der Bevölkerung vollständig geimpft. Diverse Maßstäbe wie die Inzidenzwerte, Todesfälle durch Corona oder corona-bedingte Hospitalisierungen sind seit dem 10. September konstant geblieben.

Ende der Corona-Maßnahmen in Norwegen

Norwegen beendete die Corona-Maßnahmen am 25. September 2021 und folgte damit dem Prinzip Dänemarks. Am 7. April 2021 stellte die Regierung ihren Wiedereröffnungsplan mit Etappenzielen hinsichtlich der Lage zu Impfquote, Hospitalisierungsrate und der 7-Tage-Inzidenz vor. Auch hier gab es wie in Dänemark ein Covid-Zertifikat, um den Status als getestete, genesene oder geimpfte Person nachzuweisen. Aktuell wird das Zertifikat in Norwegen allerdings nicht mehr benötigt. Nachdem die Infektionen durch die Delta-Variante Mitte September wieder zu sinken begannen, kündigte die Regierung unter der Beratung zuständiger Fachbehörden die Aufhebung der Corona-Maßnahmen am 24. September 2021 an und setzte sie einen Tag später um.

Der Bevölkerung ist es seit dem 25. Oktober 2021 wieder möglich, ohne Abstände und Maskenpflicht Veranstaltungen zu besuchen und am öffentlichen Leben teilzunehmen. Die Ministerpräsidentin Erna Solberg kommentierte: “Wir können jetzt wieder normal leben”. Aktuell sind dort 67,17 Prozent der Menschen vollständig gegen das Coronavirus geimpft und 76,35 Prozent haben bereits eine Erstimpfung erhalten. Wer sich jedoch mit dem Virus infiziert, müsse sich trotzdem in Isolation begeben. Solberg betont deshalb: „Menschen werden immer noch erkranken und darum ist es notwendig, dass sich alle impfen lassen.“ Seit der Öffnung ist die Hospitalisierungsinzidenz konstant geblieben, während die Inzidenzwerte gesunken sind.

Aufhebung der Corona-Maßnahmen in Schweden

Schwedens Strategie zur Corona-Bekämpfung blieb überwiegend bei Empfehlungen für die Bevölkerung. Maßnahmen wie eine Maskenpflicht und Ausgangssperren gab es nicht. Es wurde darauf vertraut, dass die schwedische Bevölkerung eigenverantwortlich handelt. Das resultierte in einem relativ normalen Alltag, doch brachte auch viele corona-bedingte Todesfälle mit sich. So hatte das Land mit knapp 10 Millionen Einwohner:innen fast 15.000 Todesfälle zu verkraften. Dänemark mit 5,8 Millionen Einwohner:innen verzeichnete um die 2700 Todesfälle und Norwegen mit 5,3 Millionen Einwohner:innen knapp 900 Tote.

Seit dem 29. September 2021 sind nun alle Corona-Maßnahmen aufgehoben worden. Es dürfen wieder große Feiern stattfinden und die Bevölkerung darf ohne Hygienemaßnahmen am öffentlichen Leben teilnehmen. Die Regierung rechtfertigt dies mit dem “guten Impf-Fortschritt”, denn 70,70 Prozent der Bevölkerung haben eine Erstimpfung erhalten und vollständig geimpft sind bisher 65,98 Prozent der Schwed:innen. Die aktuelle Lage in den Krankenhäusern sei stabil. Die Normalität soll künftig auch wieder mit einer allmählichen Rückkehr vom Homeoffice zum Arbeitsplatz zurückkehren. Sara Byfors von der schwedischen Gesundheitsbehörde mahnt allerdings: „Wir wollen betonen, dass es für alle nicht geimpften Erwachsenen die Empfehlung gibt, weiterhin Abstand zu halten und sich nicht in Menschenmengen aufzuhalten.”

Freedom Day in England

England beendete seine Corona-Maßnahmen bereits am 19. Juli 2021 und feierte dies als “Freedom Day”, also als Tag der Freiheit. Die Inzidenzzahlen stiegen damit stark an doch nun stagnieren sie wieder. Boris Johnson, Premierminister des Vereinigten Königreichs, sehe dies als Bestätigung für die gewählte Öffnungsstrategie. 

Mittlerweile sind in England 67,5 Prozent der Bevölkerung vollständig geimpft. Clubs haben geöffnet, es herrscht keine Maskenpflicht und keine Abstandsregelung. Zweifach geimpfte Erwachsene sowie Minderjährige müssen bei Kontakt mit einer infizierten Person nicht mehr in Quarantäne, sie werden lediglich dazu aufgefordert, sich auf das Virus testen zu lassen. Dies hatte zur Folge, dass es Personalengpässe in Supermärkten und dem Nahverkehr gab. 

Azeem Majeed, Experte für öffentliche Gesundheit am Imperial College London, schätzt, dass 50.000 Corona-Fälle pro Tag in diesem Jahr in England nicht mehr erreicht werden würden, dennoch könnte es sein, “dass wir erneut sehr gezielte Maßnahmen in Umfeldern mit hohem Risiko einführen müssen”. Eine Zeit lang war im Gespräch, dass ab September Impfnachweise für Nachtclub-Besuche verpflichtend werden sollten, allerdings hat sich die Forderung nicht durchgesetzt.

Reduzierung der Corona-Maßnahmen in der Niederlande und Italien

In der Niederlande wurde kürzlich der Sicherheitsabstand von 1,5 Metern in Gaststätten sowie Geschäften als Corona-Maßnahme abgeschafft. Die Aufhebung der Maßnahme gilt seit dem 25. September 2021. Stattdessen wurde der Corona-Pass eingeführt, mit dem sich jede Person über 13 Jahren beim Betreten von Gaststätten oder anderen öffentlichen Veranstaltungen in Kultur- und Sportbereichen ausweisen muss. Dort hinterlegt ist der 3G-Status der Person, also ob sie geimpft, genesen oder getestet ist. In den öffentlichen Verkehrsmitteln herrscht immer noch eine Maskenpflicht. In der Niederlande sind 66,5 Prozent der Bevölkerung vollständig geimpft.

Italien lockerte seine Corona-Maßnahmen ab dem 11. Oktober 2021. Besucherkapazitäten in Kultur- und Sportbereichen dürfen seitdem wieder maximal ausgelastet werden, das gilt zum Beispiel in Kinos, Theatern und Konzertsälen. Sportstätten dürfen ihre Kapazität in Innenräumen von 35 auf 60 Prozent anheben und im Freien von 50 auf 75 Prozent erhöhen. In Italien bekommen den Zutritt zu öffentlichen Veranstaltungen allerdings nur Personen, die einen Green Pass besitzen. Dieser enthält Informationen über den 3G-Status der Person, also ob sie geimpft, negativ getestet oder genesen ist. Derzeit sind 69,7 Prozent der Italiener:innen vollständig geimpft.

Wann wird es einen “Freedom Day” in Deutschland geben?

Kassenärztechef Andreas Gassen fordert seit Mitte September die vollständige Aufhebung der Corona-Beschränkungen zum 30. Oktober 2021. Er bezieht sich auf die Erfahrungen, die Großbritannien mit der Aufhebung der Corona-Maßnahmen gemacht hat: „Dort ist das Gesundheitssystem nicht kollabiert. Das muss Mut machen, zumal das deutsche Gesundheitssystem deutlich leistungsfähiger als das britische ist und deutlich mehr Schwerkranke, die wir hoffentlich auch nicht haben werden, behandeln könnte“.

Der Gesundheitsminister Jens Spahn erwarte das Ende der Corona-Pandemie im Frühjahr 2022 – falls keine neue Virus-Variante, die gegen einen Impfschutz immun sei, auftrete. Die derzeitige Impfquote in Deutschland sei für einen Freedom Day allerdings noch zu gering. In dieser Meinung wird Spahn vom Charité-Virologen Christian Drosten gestützt.

Karl Lauterbach, Gesundheitsexperte der SPD, warnt vor einer “großen, kombinierten Infektionswelle”, wenn durch die überstürzte Aufhebung der Corona-Maßnahmen “Corona, die Influenza und die gewöhnlichen Erkältungen gemeinsam massenhaft auftreten”, denn dann könnte es laut ihm “zur Überlastung von Krankenhäusern und Intensivstationen kommen.” Auch Gesundheitsminister Spahn warnt vor der Grippe und fordert zur Impfung gegen Grippe und Corona auf.